Archiv für Juli 2012

Per Def treiben sich auf der Fusion rum

Nachdem ich von eingefleischten Fusionisten so viele Klagen gehört hatte, dass das Festival „zu groß“, „zu Mainstream“ oder „von Idioten überlaufen“ sei, machte ich nie Pläne dort hin zu fahren, sind mir doch Permanentbeschallung und Menschenmengen ein Gräuel. Ganz anders stellte sich der Sachverhalt nun da, als wir von den Organisatoren der Räuberhöhle angefragt wurden, dort zu spielen. Kostenlos aufs Festival kommen, Freikarten für Freunde kriegen und Leute aus weit und fern endlich mal zu einem unserer Gigs zusammenkriegen: verlockend!
Einige Wochen vor dem Gig entstand dann noch die Idee, mit Schlagzeuger Elias zu spielen. Zeit zum Proben fanden wir genau an den zwei Tage vor dem Auftritt. Nach mehreren Stunden Intensivproben in Elias‘ WG saß dann das Set auch schon; um einen gehörigen Punk-Einschlag, den wir immer schon haben wollten, ergänzt. Elias hatte sich unsere Kollaboration zum Anlass für kreatives Austoben genommen und aus einem leicht gefetzten alten, riesigen Koffer ein Schlagzeug gebaut. kommplett mit Snare, Hocker, Becken, Cowbell und Tambourin, die alle in den Koffer passen.
Unser Gig war auf Donnerstag 18 Uhr angesetzt. Mit Schlaf in den Augen und Instrumenten und Festival-Food im Gepäck ging es Donnerstag Morgen los.
Mit fortschreitendem Verlassen der Zivilisation und Vorstoßen in die unentdeckten Weiten Mecklenburg-Vorpommerns, vorbei Orten, die mit Namen wie „Müssen“ wenn schon nicht zum Verweilen einladen, so doch wenigstens die Durchreisenden amüsieren, füllte sich der Zug mit Menschen, die ganz offensichtlich das gleiche Ziel wie wir hatten.
Um 14 Uhr kamen wir in Neustrelitz an, der vom Festivalgelände aus nächste regelmäßig befahrene Bahnhof, ca.35 km entfernt. Ein illustrer Haufen wartete dort in der prallen Sonne darauf, sich in Busse zu stopfen und in ihr Lieblings-Paralleluniversum verfrachtet zu werden. Ein älterer Mann hatte es sich an diesem Tag zur Aufgabe gemacht, mit einem Kleinbus voll Lautsprechern den Bahnhofsvorplatz mit sehr lauter Musik zu beschallen. Zwischendurch pöbelte er über Mikrofon den Betreiber des Würstchenstandes nebean an oder gab die Meisterwerke seiner situationsbezogenen Dichtkunst zum besten, z.B.: „Der Bus, der Bus, der fährt uns mit Genuss“.
In den ersten Bus schafften wir es nicht rein, standen aber im Gedränge schon recht weit vorne. Ungerechterweise standen wir aber mit jedem neu ankommenden Bus weiter hinten in der Menschenmenge. Nach anderthalb Stunden hatten wir endgültig die Schnauze voll und versuchten es mit Trampen. Zwei von uns kamen so aufs Festival, wir anderen beiden gaben das Trampen nach einer Stunde wieder auf, um einige Erlebnisse unfreundlicher Reaktionen reicher. Die anderen hatten uns inzwischen mit viel Drängen à la „da ist ein Musiker, der muss in einer Stunde auf der Bühne stehen“ einen kleinen Privat-Shuttle-Bus organisiert. Kurz nach 18 Uhr kamen wir mit diesem auf dem Festivalgelände an. Die anderen warteten schon seit ein paar stunden vorm Eingang auf uns, da ich die Ticket hatte.
In der Räuberhöhle (der Name klingt etwa ironisch, wenn man bedenkt, dass es sich um ein Haus handelt, während sich fast alle anderen Bühnen in Hangars befinden) wurden wir dann schon von einigen Freunden ungeduldig erwartet. Einer sagte mir innerhalb einer halben Stunde dreimal, wie sehr er sich auf unser Konzert freue, aber wir sollten echt mal anfangen, er sei noch danach zum weiter feiern verabredet.
Der Auftritt selbst wurde von einem stetigen lauten Bass von der benachbarten Bühne untermalt, in dessen Frequenz das Haus mitzuschwingen schien. Es wurde ausgelassen getanzt und schon unser Soundcheck abgefeiert.
Alle alten Bekannten, die ich im Anschluss noch unerwartet auf der Fusion traf, konnte ich nun leider nicht mehr zu unserem Konzert einladen.
Nach unserem Auftritt holten wir uns ersteinmal Festival-Bändchen. An dieser Stelle ein kleiner Exkurs zum System Fusion: Die Fusion wird von ihren Organisatoren als „Ferienkommunismus“ bezeichnet. Der positive Bezug auf Kommunismus und Anarchismus ist allgegenwärtig. Die Festival-Logos sind an Sowjet-Ästhetik angelehnt. Die Wege auf dem Gelände sind nach Widerstandkämpfern aus der Theorie und Praxis benannt. Eine nicht sehr Pathos-empfängliche Freundin konnte sich das Grinsen echt nicht verkneifen, als sie mir erklärte, dass ich ihr Zelt an der Kreuzung Geschwister-Scholl-Straße / Che-Guevara-Ring finden würde. Es gibt, neben Ständen mit T-Shirts mit standard-linken Aufdrucken, Stände mit extrem leckerem vegetarischem Essen. Spätestens hier kommt man aber ohne viel Geld nicht weit. Kreativ gestaltete, bunte Holzhüttchen, bemannt mit alternativ aussehenden Verkaufenden reihen sich hier, von einer Kakophonie von verschiedenen Bühnen beschallt, aneinander und bilden eine kapitalistische Konsummeile für das Festivalpublikum.
Es gibt darüber hinaus eine Art festgeschriebenes Klassensystem auf der Fusion, bestimmt durch verschiedenfarbige Armbändchen. Wir hatten Backstage II-Bändchen, hatten somit Freikarten bekommen, ein bisschen Lokalwährung und Zugang zu einem separaten Zeltplatz. Dort waren die Wasseranschlüsse und Toiletten nicht so heillos überlaufen wie die sanitären Pilgerstätten des ordinären Festival-Pöbels, die man natürlich als Mitglied unserer Privilegierten Schicht trotzdem aufsuchen konnte, wenn man mal ein bisschen Dritte-Welt-Flair schnuppern wollte. Neidisch munkelte man über die paradiesischen Zustände in einem sagenumwobenen Land namens Backstage I, wo die Leute durchgehend kostenlos von einer Vokü bekocht würden. Unter uns stand das gemeine Volk, viele Tausende, in ihrer Position gebrandmarkt durch ein orangenes Armband. Wie auch in der Außenwelt, von der sich die Fusion als abgehoben versteht, gab es dort Illegalierte. Sie waren unter uns, ihre Benachteiligung fiel ersteinmal nicht auf. Erst als ich einen Freund mit an den Badesee einlud, erfuhr ich, dass er nicht mitkommen könnte, da er ohne Armband auf der Fusion sei und so nicht wieder hereingelassen würde. Die Zäune des Geländes werden von Festivalgästen überwacht, die sich durch diesen Arbeitseisatz einen Teil des Ticketpreises wieder reinholen. Dafür muss man aber ersteinmal vorm Arbeitsamt in der Schlange stehen.
Die letzte Gruppe, die „Kaste der Unberührbaren“, besteht aus Mitarbeitern der Firma Meyer (www.pipimeyer.de) , die regelmäßig mit Trucks die Dixi-Klos geleert haben („Steht dir die Scheiße bis zum Kragen, musst du Firma Meyer fragen.“).
Am nächsten morgen sehr früh von der Hitze aus dem Zelt gejagt, machte ich einen ca. 2-stündigen Spaziergang, um das Festivalgelände herum, um am Ende an zwei Bühnen zu enden, an denen viele Leute anscheinend seit dem letzten Abend am Tanzen waren, mit schwarzen Sonnenbrillen die einen, mit extrem hellblauer Iris die anderen. Den Bassboxen sollte man sich, wenn man Wert auf die Gesundheit seiner Inneren Organe legt, auf nicht näher als 30m nähern.
Bei einem Chai als erstem Frühstück hatte ich dann noch ein nettes Gespräch mit einem jungen Herrn, der ebenfalls frühstückte, im Gegensatz zu mir aber weniger auf den Nährwert als auf die psychoaktive Wirkung seiner Leckereien bedacht.
Eine böse Überraschung gabs dann noch am Abend vor meiner Abreise. Der „Safe“ der Räuberhöhle, ein akribisch abgeschlossener Kleinbus im Backstage war seit unserm Auftritt der vermeintlich sichere Aufenthaltsort unserer Instrumente. Als ich meine Gitarre abholen wollte, war sie weg :-( Nach etwa zwei Tagen intensiver Kontaktversuche mit anderen Bands, wissen wir nun, dass die Gitarre bei einer Punk-Band in Schwerin ist, die sie mit ihrem E-Bass (!) verwechselt haben. Naja, sie ist halt ne Wandergitarre.
Den nächsten Gig von uns gibts am 21.07. in der Roten Flora in Hamburg.